
Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Mittelbau-Dora in der Nähe von Nordhausen wurden ab 1943 unter unmenschlichen Bedingungen Rüstungsgüter produziert. Tausende Männer aus ganz Europa wurden zur Zwangsarbeit in einem unterirdischen Stollensystem gezwungen. Viele von ihnen erblickten tagelang kein Tageslicht.
Wie üblich bei den Studienreisen der AG Bergen Belsen hatten wir einen kompetenten Führer, der uns den ganzen Tag mit viel Wissen zum Thema begleitet hat.

Aber ich fange besser von vorne an: die Fahrt zur Gedenkstätte führt durch eine sanfte Hügellandschaft. Im Herbst leuchtet der Wald in bunten Farben. Nichts deutet darauf hin, was hier zwischen 1943 und 1945 geschehen ist. Und genau das macht es so beklemmend.
Das Lager Mitelbau-Dora entstand 1943 als Außenlager des KZ Buchenwald. Ab 1944 wurde die Rüstungsproduktion in ganz Deutschland wegen der zunehmenden Bedrohung durch alliierte Bomben unter die Erde verlegt. Bei Nordhausen gab es ein Stollensystem, das ursprünglich als Treibstofflager geplant war.
Diese Tunnel wurden zu Fabrikhallen umfunktioniert, in denen die sogenannte „Wunderwaffe“ – die V2-Rakete gebaut werden sollte.

Wenn man heute durch die kühlen und feuchten Stollen geht, in denen die Temperatur konstant bei etwa acht Grad liegt, spürt man sofort eine Reaktion. Obwohl ich wusste, dass ich jederzeit nach draußen gehen kann, schlug ich meinen Mantelkragen hoch und hielt mich dicht bei unserem Führer.
Die Häftlinge konnten das nicht. Sie lebten und arbeiteten hier unten, in ständiger Dunkelheit, Kälte, Staub und Lärm. Manche haben wochenlang das Tageslicht nicht gesehen.
Man rechnete mit einer durchschnittlichen Überlebensdauer von drei Monaten. Danach waren die Männer entweder an Erschöpfung, Krankheiten und Misshandlungen gestorben, oder sie wurden als „nicht mehr arbeitsfähig“ in andere Lager deportiert, unter anderem in das KZ Bergen-Belsen
Auch die letzten Evakuierungstransporte im Frühjahr 1945 gingen dorthin.

Die Diskrepanz ist schwer auszuhalten: Auf der einen Seite die technische Brillanz, die Ingenieurskunst, die hinter der V2 stand – auf der anderen Seite das unfassbare Leid, das ihre Produktion forderte.
Fortschritt, gebaut auf systematischer Entmenschlichung. Es ist ein bitterer Gedanke, dass die Rakete, die hier unter mörderischen Bedingungen entstand, später zur Grundlage der Raumfahrttechnologie wurde.
Der brilliante Wissenschaftler Wernher von Braun war der führende Kopf hinter der V2-Rakete. Er pendelte über Monate hinweg regelmäßig im eigenen Flugzeug von Peenemünde nach Mittelbau-Dora und will in der Zeit nichts gesehen haben, was auf eine schlechte Behandlung der Häftlinge hinweist.

Am 11. April 1945 wurde das Lager von US-Truppen befreit. Sie fanden nur noch ein paar Hundert abgemagerte gehunfähige Kranke und Sterbende. Die restlichen Häftlinge waren evakuiert und auf einen Todesmarsch gezwungen worden, der in dem Massaker von Gardelegen seinen grausamen Höhepunkt hatte.
Mich hat dieser Besuch tief bewegt. Nicht nur wegen der historischen Fakten, die ich größtenteils kannte, sondern vor allem wegen der düsteren Atmosphäre.
Als Autorin, die über diese Zeit schreibt, ist Recherche ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. Aber es ist etwas anderes, einen Ort mit den eigenen Sinnen zu erleben. Die Kälte und die Enge zu spüren. Auf den Spuren der Opfer zu wandeln und einen winzigen Eindruck davon zu bekommen, wie es damals gewesen sein muss.
Es macht mich jedes Mal betroffen, und wütend. Deshalb schreibe ich weiter, um die Geschichten weiterzuerzählen. Nicht in abstrakten Zahlen, sondern in menschlichen Schicksalen. Damit so etwas nicht wieder passiert.
Menschen, wie Aimé Bonifas, ein französicher Kriegsgefangener, oder Johnny Nicholas, ein Haitianer, der sich als US-Amerikaner ausgegeben hat, stehen stellvertretend für tausende namenloser Opfer, die in Mittelbau-Dora und seinen Außenlagern gelebt haben und gestorben sind.


