Erinnern Sie sich noch an die Romanfigur Roxi aus der Rosenstraßen-Saga?
Viele Leserinnen und Leser haben mir geschrieben, wie sehr ihnen dieses junge Mädchen ans Herz gewachsen ist – wild, misstrauisch, lebensklug auf eine Weise, die niemand mit dreizehn Jahren sein sollte. Genau deshalb habe ich mich entschieden, ihr eine eigene Geschichte zu widmen. Ein Buch über Roxis Leben, bevor sie David kennenlernt.
Der Band „Kein Ort zum Leben“ beginnt im Jahr 1938. Roxi ist dreizehn Jahre alt und wächst im Kreis ihrer Großfamilie auf, die zum fahrenden Volk gehört. Es ist ein Leben voller Freiheit, aber auch voller Unsicherheit. Die Familie lebt am Rand der Gesellschaft – und rückt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten immer stärker ins Visier. Schikanen, Verbote und willkürliche Gewalt gehören bald zum Alltag.

Anhand von Roxi, Tibor und Marek erzählt der Roman vom Anatiziganismus, der systematischen Verfolgung der Sinti und Roma – einer Opfergruppe, die bis heute oft vergessen oder an den Rand gedrängt wird.
Um diesem Thema gerecht zu werden, war mir wichtig nicht nur aus Büchern zu recherchieren, sondern Orte aufzusuchen, an denen Geschichte bewahrt und erzählt wird. Dafür bin ich nach Heidelberg gefahren. Dort befindet sich das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma – das einzige seiner Art in Deutschland.
Der Besuch hat mich tief bewegt. Die Ausstellung ist sachlich und faktenbasiert, was sie so eindrücklich macht. Sie zeigt die lange Geschichte der Ausgrenzung, die bereits weit vor 1933 begann, und macht deutlich, wie nahtlos Diskriminierung in Verfolgung und schließlich in den Porajmos, den Völkermord, an “Zigeunern und zigeunerähnlich umherziehenden Personen” überging. Fotos, Dokumente, persönliche Zeugnisse, hinter jedem Exponat stehen reale Menschen, reale Familien, zerstörte Leben.
Besonders berührt haben mich die Biografien der Kinder und Jugendlichen. Ihre Schicksale haben Roxis Erlebnisse inspiriert. Sie ist nicht nur eine fiktive Figur, sondern eine Stellvertreterin für Tausende Mädchen und Jungen, denen ihre Kindheit und oft ihr Leben genommen wurde.
Jeder kann im Dokumentationszentrum so lange verweilen, wie er möchte. Manche “durchlaufen” die Ausstellung in zwanzig Minuten, andere brauche (wie ich) mehrere Stunden. Es gibt viele geschriebenen Informationen, Fotos, die eine große Wucht entfalte. Für die teileweise authtentischen Filmaufnahmen aus der damaligen Zeit, braucht man einen starken Magen. Ich habe mir nicht alle angeschaut.
Für mich war dieser Besuch mehr als Recherche. Er war eine Verpflichtung. Eine Erinnerung daran, warum Geschichten wie die von Roxi erzählt werden müssen. Warum es wichtig ist, hinzusehen, zuzuhören und weiterzugeben, was lange verschwiegen wurde.
Wenn Sie einmal in der Gegend von Heidelberg sind, kann ich Ihnen einen Besuch im Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma von Herzen empfehlen. Es ist kein leichter Ort, aber ein notwendiger. Und ein Ort, der zeigt, dass Erinnerung auch Verantwortung bedeutet.


